„Spahn sollte seine Hausaufgaben machen"
Die Brandenburger Bundestagsabgeordnete Dr. Andrea Lübcke, Mitglied im Ausschuss für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung, hat sich bei einem Besuch des ehemaligen Kernkraftwerks Rheinsberg ein Bild vom aktuellen Stand des Rückbaus gemacht.
Mehr als 30 Jahre nach der Abschaltung des DDR-Atomkraftwerks dauern die Rückbauarbeiten weiterhin an – ein Ende ist bislang nicht absehbar. Frühestens Mitte der 2040er-Jahre könnte das Projekt abgeschlossen sein. Die Kosten werden bis dahin auf mindestens rund 1,5 Milliarden Euro gestiegen sein. Bislang sind ca 850 Millionen Euro in den Rückbau geflossen. Damit steht der Standort exemplarisch für die langfristigen Folgen der Nutzung von Atomenergie.
„Jens Spahn sollte seine Hausaufgaben machen, bevor er neue Vorschläge in die Welt setzt. Wer über einen Wiedereinstieg in die Atomkraft spricht, muss sich auch den offenen Fragen beim Rückbau und der Endlagerung stellen. Rheinsberg macht deutlich, welche enormen Kosten, Zeiträume und Herausforderungen mit dieser Technologie verbunden sind“, erklärte Lübcke.
Zugleich verwies sie darauf, dass ein schnellerer Fortschritt bei gleichzeitig geringeren Gesamtkosten möglich wäre: „Auch nach der Stilllegung müssen während des Rückbaus wesentliche Anlagen weiterhin sicher betrieben und instandgehalten werden, einschließlich des Austauschs von Komponenten wie Lüftungsanlagen, sobald sie das Ende ihrer Lebensdauer erreichen. Dieser notwendige Betrieb der verbliebenen Infrastruktur bindet einen großen Teil der verfügbaren Mittel, während nur ein vergleichsweise kleiner Anteil in den eigentlichen Rückbau fließt. Deshalb kann insgesamt Geld eingespart werden, wenn schneller zurückgebaut wird. Das erfordert zwar höhere Investitionen pro Jahr, wirft aber die berechtigte Frage auf, ob eine zeitlich befristete Kreditfinanzierung nicht zu rechtfertigen wäre“, so Lübcke.
Besondere Bedeutung erhält das Thema auch vor dem Hintergrund eines historischen Jahrestages: Am 26. April 1986 – vor 40 Jahren – ereignete sich im vierten Block des Kernkraftwerks Tschernobyl die bislang schwerste Reaktorkatastrophe der Geschichte. Ihre Folgen sind bis heute spürbar.
„Tschernobyl mahnt uns bis heute“, sagte Lübcke. „Atomkraft hinterlässt neben dem strahlenden Erbe des Atommülls weitere Risiken und Kosten über Generationen hinweg.“
Hintergrund
Das Kernkraftwerk Rheinsberg war das erste kommerziell genutzte Atomkraftwerk der DDR und – nach dem Versuchsreaktor in Kahl – zugleich das erste kommerzielle Groß-Kernkraftwerk auf dem Gebiet von Deutschlands. Es nahm 1966 den Betrieb auf. Nach der politischen Wende wurde es 1990 aus Sicherheits- und Wirtschaftlichkeitsgründen endgültig abgeschaltet. Da sich die Anlage im staatlichen Besitz befand, ging die Verantwortung für Stilllegung und Rückbau nach der Wiedervereinigung auf die Bundesrepublik Deutschland über. Der Bund finanziert seitdem die umfangreichen Maßnahmen für einen sicheren Rückbau.
Mit den Arbeiten wurde die EWN – Entsorgungswerk für Nuklearanlagen GmbH beauftragt, ein bundeseigenes Unternehmen, das speziell für die Stilllegung und den Abbau ostdeutscher Kernanlagen gegründet wurde. Ziel ist es, das Gelände langfristig wieder uneingeschränkt nutzbar zu machen. Dieser Prozess ist jedoch äußerst aufwendig und erstreckt sich über Jahrzehnte, da strenge Sicherheitsanforderungen eingehalten werden müssen. Zudem fallen große Mengen radioaktiver Abfälle an, die zunächst zwischengelagert und später in ein Endlager überführt werden.