Mein Gastbeitrag bei AGRA-Europe
Die Reform des europäischen Gentechnikrechts bietet die Chance, eine lange emotional geführte Debatte auf eine sachlichere Grundlage zu stellen. Dabei geht es um eine differenzierte, wissenschaftsgeleitete Bewertung von Pflanzen, die aufgrund ihrer Eigenschaften der Kategorie NGT-1 zugeordnet werden.
Dabei handelt es sich um Pflanzen, deren genetische Veränderungen auch auf natürlichem Wege oder durch klassische Züchtung entstehen könnten. Sie werden deshalb als naturidentisch bezeichnet. Entscheidend ist: Die Eigenschaften, die so entstehen, unterscheiden sich nicht von denen konventionell gezüchteter Pflanzen – lediglich der Weg dorthin ist präziser und zielgerichteter.
Auch konventionelle Pflanzenzüchtung verändert seit Jahrtausenden das Erbgut von Pflanzen: durch Kreuzung, Auslese oder später durch klassische Mutagenese. Diese Veränderungen entstehen weitgehend zufällig und werden über viele Züchtungsschritte selektiert. Neue genomische Techniken ermöglichen diesen Prozess gezielter und präziser, ohne artfremdes genetisches Material einzubringen.
Diese Differenzierung ist aus wissenschaftlicher Sicht zentral. Unterscheiden sich Eigenschaften und Risiken nicht, sollte sich auch die Regulierung daran orientieren. Genau das leistet die Reform, ohne das Vorsorgeprinzip infrage zu stellen. Denn für NGT-1-Pflanzen gilt: Die Datenlage ist sehr robust und umfangreiche, jahrzehntelange wissenschaftliche Erkenntnisse lassen keinerlei zusätzlichen Risiken für Mensch und Umwelt erkennen. Das Vorsorgeprinzip erfordert hier also vielmehr, dass wir sämtliche tragfähige Lösungen wohlwollend prüfen, um den aktuellen Herausforderungen entsprechend zu begegnen.
Gerade mit Blick auf die Klima- und Artenkrise sehe ich hier relevante Potenziale. Pflanzen, die besser mit Trockenstress oder Hitze umgehen können oder widerstandsfähiger gegen Krankheiten und Schädlinge sind, können helfen, Erträge unter zunehmend schwierigen Bedingungen zu stabilisieren und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sowie Düngemitteln zu verringern – mit positiven Effekten für Artenvielfalt, Böden und Grundwasserqualität.
Beispiele für Pflanzen, die mithilfe neuer genomischer Techniken krankheitsresistenter gemacht wurden, gibt es bereits. So ist es einem schwedischen Forschungsteam gelungen, eine ursprünglich anfällige Kartoffelsorte mithilfe von CRISPR/Cas widerstandsfähiger gegen die Kraut- und Knollenfäule zu machen – eine Krankheit, die regelmäßig zu erheblichen Ernteausfällen führt.
Damit dieses Potenzial erschlossen werden kann, sind umfangreiche Forschungsarbeiten notwendig. Es muss verstanden werden, welche Stellen im Erbgut bestimmte Toleranzen überhaupt codieren. Gerade bei durch Insekten übertragenen Pflanzenkrankheiten – etwa durch die Schilf-Glasflügelzikade – sind kontrollierte Versuche unter praxisnahen Bedingungen wichtig. Die Neuregulierung von NGT-1-Pflanzen ermöglicht nun diese Forschung auch in Europa.
NGT-1-Pflanzen sind keine Allzwecklösung. Sie ersetzen weder nachhaltige Anbausysteme noch agrarökologische Ansätze, können aber eine wichtige Komponente auf dem Weg zu einer resilienteren Landwirtschaft sein.
Eng mit der Debatte um neue Züchtungsmethoden ist die Frage verbunden, wie Innovationen geschützt werden – und wie offen Züchtung zugleich bleiben kann. In der Pflanzenzüchtung spielt der Sortenschutz traditionell eine zentrale Rolle: Er schützt neue Sorten, ermöglicht aber zugleich, dass andere Züchterinnen und Züchter mit ihnen weiterarbeiten und sie weiterentwickeln. Patente auf genetische Sequenzen oder auf Leben würden die Weiterentwicklung neuer Sorten unnötig einschränken und Offenheit blockieren. Patente auf technologische Verfahren können hingegen gezielt Innovationsräume eröffnen, insbesondere für Start-ups und kleinere Unternehmen.
Die Gleichstellung von NGT-1-Pflanzen mit konventionell gezüchteten Pflanzen ist kein Bruch mit bündnisgrünen Grundwerten, sondern Ausdruck einer wissenschaftsbasierten und verantwortungsvollen Politik. Gerade in der Klima- und Artenkrise sollten wir sorgfältig prüfen, welche Instrumente dazu beitragen können, ökologische Ziele zu erreichen – ohne Risiken zu verharmlosen, aber auch ohne Chancen vorschnell auszuschließen.