Bündnisgrüne fordern stärkere Prävention
Auf großes Interesse stieß eine Informationsveranstaltung der Grünen Dahme-Spreewald zum Thema Gendermedizin am Freitagabend im Regionalbüro der Brandenburger Bundestagsabgeordneten Dr. Andrea Lübcke in Königs Wusterhausen. Zahlreiche Gäste waren der Einladung gefolgt.
„Gendermedizin brennt vielen Menschen auch in unserer Region unter den Nägeln“, sagte die Vorsitzende des Kreisverbands Dahme-Spreewald, Julia Pröhl. Für die Einführung in das Thema konnte die frühere Brandenburger Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher gewonnen werden.
In ihrem Vortrag erläuterte Nonnemacher, dass medizinische Forschung und Behandlung lange Zeit überwiegend am männlichen Körper ausgerichtet waren. Unterschiede zwischen Frauen und Männern bei Krankheiten, Symptomen oder der Wirkung von Medikamenten würden deshalb häufig zu wenig berücksichtigt.
Frauen hätten beispielsweise einen anderen Hormonhaushalt und teilweise andere Stoffwechselprozesse als Männer. Dennoch orientierten sich Diagnostik und Therapie in vielen Fällen weiterhin am männlichen Standard. Das führe dazu, dass Erkrankungen bei Frauen später erkannt oder weniger zielgerichtet behandelt würden.
Auch regionale Gesundheitsdaten zeigen Unterschiede: Laut Statistischem Bundesamt liegt Brandenburg bei der Lebenserwartung im Mittelfeld. Die Spanne zwischen den Bundesländern ist jedoch erheblich. Während Jungen in Sachsen-Anhalt mit durchschnittlich 75,9 Jahren die niedrigste Lebenserwartung haben, liegt Baden-Württemberg mit 79,9 Jahren an der Spitze. Bei Mädchen reicht die Spannweite von 82,0 Jahren im Saarland bis zu 84,1 Jahren in Baden-Württemberg. Dieser regionale Unterschied spiegelt den großen sozioökonomischen Einfluss auf die Lebensdauer wider. In Brandenburg beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung derzeit 77,7 Jahre für Jungen und 83,3 Jahre für Mädchen.
Mit Blick auf die Bundespolitik begrüßte Nonnemacher, dass geschlechtersensible Medizin inzwischen stärker in den Fokus der Forschung gerückt. So seien jährlich rund 18 Millionen Euro für entsprechende Forschungsprogramme vorgesehen.
Ein weiterer entscheidender Schritt sei, Gendermedizin verbindlich in die medizinische Ausbildung aufzunehmen. Die Eckpunkte für eine Reform der Approbationsordnung liegen bereits seit Jahren vor. Das Inkrafttreten war ursprünglich für 2025 vorgesehen, wird inzwischen jedoch frühestens für Oktober 2027 erwartet.
Die Brandenburger Bundestagsabgeordnete Dr. Andrea Lübcke, Mitglied im Forschungsausschuss des Bundestages, kündigte an, das Thema weiter voranzubringen: “Kein Mann würde bezweifeln, dass Frauen komplizierter sind als Männer. Zyklischer Hormonhaushalt und anderer Stoffwechsel führen zu anderen Krankheitsbildern und Symptomen. Deshalb ist es höchste Zeit, dass jeder Mensch die medizinische Versorgung erhält, die auf diese Person zugeschnitten ist. Das gilt auch für alle Menschen mit nicht-männlicher Geschlechtsidentität. Geschlechtersensible Medizin ist kein Nischenthema, sondern Voraussetzung für die bestmögliche medizinische Versorgung jeder einzelnen. Sie muss sich in Forschung, Ausbildung und Versorgung widerspiegeln.“
Ein weiterer Schwerpunkt des Abends war die Bedeutung von Prävention. Während Frauen im Krankheitsfall schlechter versorgt werden als Männer, erhalten Männer eine schlechtere präventive Versorgung. Nonnemacher kritisierte, dass Deutschland zwar sehr viel Geld für die Behandlung von Krankheiten ausgebe, aber vergleichsweise wenig für deren Vermeidung. Ziel müsse sein, Menschen ein möglichst langes gesundes Leben zu ermöglichen. Investitionen in Prävention können das Gesundheitssystem mittel- und langfristig finanziell entlasten. Als Instrument zur Finanzierung präventiver Maßnahmen wurde unter anderem die Zuckersteuer diskutiert.
Lübcke kritisierte, dass sich die Bundesregierung bislang weigert, diesen Schritt zu gehen:
„Eine Zuckersteuer wäre ein wirksames Instrument, um ungesunde Ernährung einzudämmen und gleichzeitig Mittel für Prävention zu gewinnen. Dass sie weiterhin blockiert wird, ist gesundheitspolitisch schwer nachvollziehbar.“